Am 20. September 2021 ist mein Buch "Tage in Tokio", illustriert von dem großartigen Zeichner Matthias Beckmann erschienen.

 

Nachdem ich mich über 35 Jahre intensiv mit Japan beschäftigt habe, ohne je dort gewesen zu sein, bekam ich im November 2019 die Möglichkeit, als Writer in Residence der Keio Universität, Tokio, einen Monat dort verbringen. All das, was ich über Land und Leute wusste, dachte, mir vorgestellt hatte, wurde erstmals einer ernsthaften Realitätsprüfung unterzogen. Vom ersten Moment an wechselten sich Déjà-vu-Erlebnisse mit ungläubigem Staunen, Wiedererkennen mit Verwunderung ab.  So ist die größte Stadt der Welt keineswegs laut und hektisch, die U-Bahn dort meist leerer als in Berlin, und während die japanische Kaffeehauskultur es locker mit der in Wien aufnehmen kann, ist es wirklich schwierig, einen erstklassig zubereiteten Sencha zu finden. Dafür kämpft der beste japanische Profboxer, Naoya Inoue, so, als wäre er in Wahrheit ein Zen-Meister, und die vielleicht schönste Chawan der Welt ist in Wirklichkeit noch viel schöner.

Der "Dorfroman"

Vor 20 Jahren habe ich mich in dem Roman "Stadt Land Fluß" schon einmal mit dem Dorf am Niederrhein beschäftigt, in dem ich aufgewachsen bin. Was ich damals weggelassen habe, war, dass in eben diesem Dorf, nahe Kalkar, während der 1970er und 80er Jahre ein Kernkraftwerk gebaut wurde, das "der Schnelle Brüter" hieß und einige der größten Anti-Atomkraft-Demonstrationen der alten Bundesrepublik unmittelbar vor unserer Haustür vorbeiführte. Mein Vater war während meiner gesamten Kindheit auf Seiten der AKW-Befürworter engagiert, was einer der Gründe für heftige pubertäre Auseinandersetzungen und meine eigene politische Emanzipation wurde. Das Dorf ist durch diesen Konflikt zerrissen worden,  Freundschaften zerbrachen, Nachbarn redeten jahrzentelang nicht miteinander. Gleichzeitig lösten sich die landwirtschaftlichen Strukturen und strikten kirchlichen Bindungen mehr und mehr auf. Der Schnelle Brüter ging nie ans Netz und beherbergt heute einen Freizeitpark mit dem schönen Namen "Kernwasserwunderland". Meine alten Eltern sind inzwischen froh, dass kein Atomkraftwerk in ihrem Dorf steht. Von all dem erzählt der Roman.

 

 

 

 

 

 

Teeschalenzeichnen

 

Ich habe immer gezeichnet während der vergangenen dreißig Jahre, doch seit einiger Zeit wusste ich nicht mehr recht, was daraus werden soll.

 

Wie schon vor fünfzehn Jahren, als mir das Schreiben plötzlich ganz leer vorkam und eine alte Chawan mich in "Mitsukos Restaurant" geführt hat, sind es auch jetzt wieder die japanischen Teeschalen, die mir zeigen, wohin es gehen könnte.

Hier gibt es einen schönen Beitrag über den "Dorfroman" für das Magazin Druckfrisch, den ich mit Denis Scheck im ehemaligen Freundschaftshaus, direkt gegenüber dem Schnellen Brüter/Kernwasserwunderland aufgenommen habe.