Wetter

Als ich jung war, hielt ich es für ein Zeichen beschämender Oberflächlichkeit, wenn jemand ernsthaft über das Wetter sprach. Das Wetter ließ sich nicht ändern, sondern nur hinnehmen - weshalb hätte ich also groß darüber nachdenken, geschweige denn darüber reden sollen? Auch meine Tochter, die jung ist, wundert sich gelegentlich, dass ihre Großeltern bei jedem Telefonat sowohl wissen wollen, wie das Wetter in Berlin ist, als auch ausführlich vom Wetter am Niederrhein erzählen. Neulich allerdings sagte mir einer meiner engsten Freunde, dass tatsächlich das Wetter mehr und mehr zum entscheidenden Faktor für sein Befinden werde - deutlich relevanter zum Beispiel als Politik oder Gesinnungsfragen, die sowieso überschätzt würden. Ich nickte und wunderte mich, dass ich nickte. Im selben Moment fiel mir auf, dass ich meine spätpubertäre Einschätzung des Wetters als Thema später nie einer kritischen Überprüfung unterzogen hatte. -

In Istanbul regnete es gestern und regnet es heute so stark, dass ich von meinem Platz in Europa aus Asien nicht mehr sehen kann. Trotzdem geht es mir deutlich besser als mit siebzehn bei blauem Himmel.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0